Verbandsmitteilungen

PRESSEMITTEILUNG

zum “Pflichtfach Geschichte” [69 KB]


KOMPETENZEN IN DER UNTERRICHTSPRAXIS GESCHICHTE

Vortrag Pandel


Ein Tagungsbericht von David Denninger

In Zeiten, in denen die Frage nach einer guten Schule – zumindest wenn man der Tagespresse glaubt – allein auf die Frage nach der Ausbildungsdauer zugespitzt zu werden droht, als seien damit alle Probleme zu lösen, geraten die didaktischen Kernanliegen der Fächer etwas aus dem Blick.
Dabei beschäftigte jenseits aller G8/G9-Debatten kaum ein anderes Thema über das letzte Jahrzehnt den Geschichtsunterricht so nachhaltig wie die Kompetenzdebatte. Weil aber nach wie vor keine einheitliche Linie zu erkennen ist, nach wie vor Kolleginnen und Kollegen mehr oder minder im Trüben fischen und es nach wie vor an einem adäquaten Fortbildungsangebot fehlt, sah es die Landesfachgruppe Geschichte/Sozialkunde in Kooperation mit dem Bayerischen Geschichtslehrerverband und der LMU München geboten, ein Kolloquium zu dieser Thematik zu veranstalten. Ziel war es, aus den drei Bereichen Geschichtsdidaktik, staatlicher Bildungssteuerung und Unterrichtspraxis Referenten zu gewinnen.

Hans-Jürgen-Pandel


Dass ungeachtet der G9-Diskussion ein großer Bedarf an einem Diskurs über die Kompetenzorientierung des (Geschichts)unterrichts besteht, bewiesen das rege Interesse und die zahlreichen Wortbeiträge der vielen Anwesenden am 22.03.2014 im Internationalen Begegnungszentrum in München.

Peter Dempf


Jeder, der unterrichtet, hat irgendeine Meinung zur Kompetenzorientierung, redet darüber. Aber worüber eigentlich? Mit einem pointierten Problemaufriss stellte der Münchener Didaktiker Prof. Ulrich Baumgärtner bereits zu Beginn viele Fragen. Ausgehend von allgemeinen Kompetenzdefinitionen von Franz E. Weinert und Saul B. Robinsohn erläuterte Baumgärtner geschichtsdidaktische Defintionen und stellte anschließend die Frage, wie sich denn nun allgemeine zu fachspezifischen Kompetenzen verhielten. Fragen nach der theoretischen Stimmigkeit von Kompetenzmodellen, nach ihrer Validierbarkeit, nach ihrem Verhältnis zum historischen Wissen und überhaupt nach dem Zugewinn für den Unterricht durch die Kompetenzorientierung waren damit verbunden. Baumgärtner deutete an, dass die Erstellung von kompetenzorientierten Aufgabenformaten gewisse Schwierigkeiten in sich berge, von der Beurteilung der Schülerleistungen ganz zu schweigen. Und schließlich, so Baumgärtner, wollten Lehrerinnen und Lehrer wissen, wie sich die Kompetenzorientierung unterrichtspraktisch realisieren ließe.

In den zwei Hauptvorträgen am Vormittag gingen die beiden Geschichtsdidaktiker Prof. Hans-Jürgen Pandel (Halle) und Prof. Peter Gautschi (Luzern) auf die Fragen ein. Pandel führte zunächst die Irritation im Umgang mit dem Kompetenzbegriff, die im Zuge der Entwicklung der Messbarkeit von Bildung in Länderrankings entstanden war, auf die vier wesentlichen Einflussfaktoren Bildungsbürokratie, PISA-Konsortium, Geschichtsdidaktik und letztlich die Lehrerinnen und Lehrer zurück. Alle Bereiche würden mehr oder weniger geschickt und im eigenen Interesse mit dem Begriff hantieren und dabei auch unbeabsichtigt für ein Kompetenzwirrwarr sorgen. Ausgehend von einem generellen Theoriedefizit, war es Pandel in seinem Vortrag auch besonders wichtig, immer wieder auf die theoretischen Grundlagen zu verweisen. Der Kompetenzbegriff dürfe nicht zur Beliebigkeit werden, indem man an willkürliche Begriffe das Wort „Kompetenz“ anhänge und glaube, eine Kompetenz definiert zu haben. Vielmehr bezeichnete Pandel Kompetenzen als „domänenspezifische Problemlösungsstrategien“ und übte Kritik an Kompetenzdefinitionen, die vorgeben, fächerübergreifend zu gelten. Kompetenzbegriffe wie „Methodenkompetenz“ („nichts anderes als Textverstehen“) oder „Sachkompetenz“ („Kompetenzen sind Instrumente, um mit Wissen umzugehen, nicht aber Wissen selbst“) lehnte Pandel ab. Am Ende verwies Pandel – einen Begriff des Bamberger Soziologen Richard Münch aufgreifend – auf die „Hybridkultur“ in der Debatte, bei der einerseits sich die neuen kultur- und geschichtsneutralen „Grundkompetenzen“ zur Zeit noch nicht ganz durchgesetzt haben und andererseits die alten bildungsorientierten Inhaltkonzepte noch nicht ganz beseitigt sind. Zukunft ungewiss.

Peter Dempf, Josef.Koller, Prof. Hans-J. Pandel, Dr. Lorenz Maier, Prof.Dr. Peter Gautschi, Martin Pöhner, Sigrid Fehn, Prof.Dr. Ulrich Baumgärtner


Im Anschluss an den diskursiven Vortrag von Hans-Jürgen Pandel wagte Peter Gautschi aber durchaus einen Ausblick auf die Zukunft, doch zunächst referierte er empirische Forschungsarbeiten in der Schweiz. Hier konnten Gautschi und sein Team in einer Studie zahlreiche Schülerinnen und Schüler inkludieren, die im Anschluss an unterschiedliche Unterrichtseinheiten kompetenzbasierte Aufgaben lösen sollten. Interessant war dabei, dass ein scheinbar kompetenzorientierter Unterricht nicht unbedingt höhere Kompetenzen beim Lösen von Aufgaben zur Folge hat. Dann aber ging Gautschi darauf ein, ob es sich bei der Kompetenzdebatte nur um eine „Blase“ handele, wie ja innerhalb und außerhalb unseres Verbands nicht selten geglaubt wird, oder ob sie nachhaltig wirke. Gautschi zeigte sich überzeugt, dass sich künftig kompetenzorientierte Lehrpläne durchsetzen würden und führte für diese Position drei Argumente an: erstens fordere die Bildungsdirektion unter dem Schlagwort der Qualitätssicherung eine Steuerung, Kontrolle und Standardisierung, zweitens fordere die Geschichtsdidaktik narrative Kompetenz und damit einen Unterricht, der deklaratives, prozedurales und metakognitives Wissen sowie sachbezogene Interessen und Einstellungen entwickelt, und drittens fordere die Pädagogik einen schülerorientierten Unterricht, der Problemlösungsfähigkeiten vermittelt.

Prof.Dr. Peter Gautschi


Zu diesen Schlussgedanken Gautschis passend begann der Nachmittag mit den Vorträgen von Martin Pöhner (Kultusministerium) und Josef Koller (isb), die die Leitgedanken des LehrplanPlus vorstellten. Diese beinhalten sowohl Bekanntes als auch Neues. So wird etwa der Lehrplan wieder vier Ebenen beinhalten, auch wenn diese künftig „Kapitel“ heißen werden. Dem Fachprofil für Geschichte liegt sodann ein Kompetenzstrukturmodell (KSM) zugrunde. Dieses beinhaltet – hier nur stark verkürzt wiedergegeben – ausgehend vom inhaltlichen Nukleus „Raum, Zeit, Zugänge“ verschiedene, abgestufte Kompetenzbereiche (Sach-, Methoden-, Urteils-, Orientierungs- und Narrative Kompetenz), zu denen das „Geschichtsbewusstsein“ den äußeren Rahmen bildet. Überdies soll bis JGS 10 überwiegend chronologisch, ab 11/12 thematisch unterrichtet werden, wobei aber das Prinzip der diachronen Strukturierung schon ab der 6. Klasse geübt werden soll. Insgesamt war also die dezidierte Kompetenzorientierung des LehrplanPlus erkennbar, zugleich aber sollen Chronologie sowie grundlegende Daten und Begriffe noch nachhaltiger berücksichtigt werden.

Prof.Dr. Ulrich Baumgärtner


Die bisherigen theoretischen Reflexionen ließen schließlich die Frage offen, wie das alles in der Unterrichtspraxis umzusetzen ist, was überhaupt in den Klassenzimmern ankommen kann. Dies hinterfragten die Vorträge der beiden Seminarlehrer Sigrid Fehn (Nürnberg) und Peter Dempf (Neusäß), die sich – cum grano salis – auf folgenden Nenner bringen lassen: Dass unter den Kolleginnen und Kollegen höchst unterschiedliche und vielfältige Kompetenzdefinitionen, kompetenzorientierte Unterrichtskonzepte und Vorstellungen von Aufgabenformaten vorherrschen, hilft für die Unterrichtspraxis nur wenig. Dass ferner die Kompetenzorientierung zum einen in Bayern im Top-Down-Verfahren eingeführt wurde und zum anderen das Desiderat eines breiten, systematischen Fortbildungsangebots fortbesteht, trägt auch zum Gefühl der Hilflosigkeit bei den Kolleginnen und Kollegen bei. Denn vielfach fehlt in der Unterrichtspraxis eine hinreichende Reflexion, was kompetenzorientierter Unterricht ist und was nicht.

Prof. Hans-J. Pandel, Dr. Lorenz Maier, Prof.Dr. Peter Gautschi, Martin Pöhner, Sigrid Fehn


Die rege Abschlussdiskussion machte eines noch einmal deutlich: Bei allem Streit um die Details wird die Kompetenzorientierung die zukünftigen Entscheidungen in der Bildungspolitik innerhalb wie außerhalb Bayerns mitbestimmen. Denn als „Blase“ lässt sich die Entwicklung der letzten 12 Jahre nicht mehr abtun. Dies sollte man für die Entwicklung künftiger Modelle zur Kenntnis nehmen.

Ilan Katz zu Gast in Nürnberg

Ilan Katz zu Gast in Nürnberg

Ilan Katz, ehemaliger Lehrer aus Ma'alot, Israel, machte auf Einladung des Bayerischen Geschichtslehrerverbands auch Station in Nürnberg.
Am 17.02.2014 referierte er in einem öffentlichen Abendvortrag am Melanchthon-Gymnasium über die Situation im Nahen Osten. Dabei ging es nicht nur um die allgemeine politische Lage, sondern Ilan Katz bot auch zahlreiche Einblicke in alltäglichen Probleme des Zusammenlebens von v. a. Juden, Muslimen, Drusen und Christen. Katz machte insbesondere darauf aufmerksam, dass die große Herausforderung für den Staat Israel seiner Ansicht nach die innerstaatlichen Probleme seien, denn rund ein Viertel aller Israelis seien keine Juden, die sich aber kaum dem Staat, der sich in seiner Flagge mit einem Davidstern symbolisiere, zugehörig fühlen könnten. Wie also sieht die Zukunft Israels aus, wenn vermutlich der Anteil der Juden noch weiter sinkt?

Herr Katz bekräftigte seine Thesen mit zahlreichen Beispielen aus dem Alltag und der Politik. Er vertrag die Auffassung, dass ein Frieden mit den nicht-israelischen Palästinensern in der Westbank und im Gazastreifen im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung dann möglich sei. Doch zuerst müsse Israel zu sich selbst finden.

Sodann erläuterte Herr Katz, der selbst mit vielen Palästinensern befreundet ist, Möglichkeiten der Kooperation von Lehrern. So gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche von palästinensischen und israelischen Lehrern, gemeinsame Lehrpläne und Schulbücher zu entwickeln. Damals aber schon traf man sich zu Seminaren in der Türkei oder in England, weil diese in Israel nicht möglich waren. Heute finden solche Kooperationsseminare leider kaum noch statt, weil die politische Lage nach dem Scheitern der Road Map schwieriger geworden ist. Doch wenn es gelänge, die Jugend wieder mit gegenseitiger Toleranz und ohne Stereotype zu erziehen, ist auch eine friedliche Zukunft im Nahen Osten möglich. Sein eigenes Umfeld in Ma'alot mit dem benachbarten arabischen Dorf Tarshiha zeige, dass ein Zusammenleben verschiedener Volksgruppen in gegenseitiger Toleranz und Achtung funktionieren könne.

Bei Interesse an der Arbeit von Ilan Katz wenden Sie sich bitte an dd.denninger@gmail.com

 

Zeitzeugin geehrt

Freya Klier erhielt Bundesverdienstkreuz am Bande

Freya Klier (* 1950, Dresden) ist auch in Bayern bekannt: Sie hat in den vergangenen Jahren an mehreren Gymnasien und Realschulen als Zeitzeugin Vorträge gehalten. Bereits mit dem Verdienstorden des Landes Berlin (1995), dem „Demokratie-Preis des Freistaats Sachsen“ (2007) und dem Sonderpreis der Bundeszentrale für politische Bildung (2009) geehrt, hat Bundespräsident Joachim Gauck sie im Kontext des Tags der Deutschen Einheit 2012 als Autorin, Regisseurin, Dokumentarfilmerin, Friedensaktivistin und DDR-Bürgerrechtlerin mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für ihre Aufklärungsarbeit über die „Diktaturen des 20. Jahrhunderts“ und ihre Folgeerscheinungen geehrt.

Der Bayerische Geschichtslehrerverband e.V. gratuliert Freya Klier für ihr stets couragiertes Auftreten gegen Unrecht durch das NS-Regime, die Sowjetdiktatur und ihre „Ableger“ im mittel- und osteuropäischen Raum, v. a. der SED-Diktatur, verbrämt als „Sozialismus in den Farben der DDR“.

Willi Eisele
Landesvorsitzender


www.zeitzeugenbuero.de
"Zusätzlich empfiehlt der Landesverband Bayern im VGD e.V. weitere Zeitzeugen, die auch bereits an Gymnasien in Bayern oder im Rahmen von Fortbildungsterminen für Fachkollegen aufgetreten sind. Hinweise auf Namen und Erreichbarkeit können beim Landesvorsitzenden über die e-Mail-Adresse willi.eisele@gmx.de abgerufen werden."