Christiane Baumann

Die Zeitung „Freie Erde“ (1952-1990): Kader, Themen, Hintergründe -
Beschreibung eines SED-Bezirksorgans,
Schwerin, LStU Mecklenburg-Vorpommern, 2013, 180 S., brosch., ill., Tab., zahlr. Fotos,
ISBN 978-3-933255-42-6, Schutzgebühr 6,oo €, zzgl. Versand 1,65 €

Grundlage für die Fallstudie über eine der in straffer SED-Regie publizierten Tageszeitungen ist die Artikelserie der Autorin anlässlich eines Jubiläums des Nordkurier (Neubrandenburg), der von 1952 bis 1990 als Freie Erde erschienen war. Sie reiht sich in die Studien über die auflagenstarke Berliner Zeitung, die Sächsische Zeitung (Dresden), Neuer Tag (Frankfurt/Oder), die Leipziger Volkszeitung und die Lausitzer Rundschau (Cottbus) ein, die 1997/2003 veröffentlicht wurden, gut ein.

Wer heute die Texte von DDR-Zeitungen inhaltlich und stilistisch erfassen will, muss ihr Grundaxiom verstehen: „Die DDR hat von der Ideologie gelebt. Die Medien waren der Apparat, der diese Ideologie transportieren sollte und den die SED v.a. direkt beeinflussen konnte“ (Günter Schabows-ki, 2011). Auf die DDR-Presse hatte die SED im Wortsinne den direkten Zugriff, wie die vorliegende Untersuchung von Christiane Baumann belegt. Als Teil der politischen Geschichte spiegeln sich in der Pressegeschichte die Ablösung der östlichen Länder durch die neuen DDR-Bezirke wie auch die Enteignungen gemäß SMAD-Befehl Nr. 124 (1947), der Verbleib der „offiziellen Befreier“ als „Besatzer“ und die Errichtung einer „Volksdemokratie“ mit Parteisäuberungen der SED als Begleiterscheinungen. Die Autorin gewährt dem Leser Einblick in die Pressearbeit vom Editorial der Erstausgabe vom 15.08.1952 bis zur Umbenennung des Blatts am 02.04.1990 in das Blatt Nordkurier.

In fünf Kapiteln erfasst die Autorin die Anfänge in Neustrelitz 1952/53, den journalistischen Alltag in der Redaktion und der Druckerei, die Handhabung von „Meinungsäußerungen“ und die Kader-bildung mit „Volkskorrespondenten“, die Absicherung der inneren Nomenklatura und zur Abwehr westlicher Betriebsspionage und „Boykotthetze“ (Art. 6 DDR-Verfassung I, 1949). Sehr hilfreich ist die Grafik auf Seite 53: Angeregt durch Gunter Holzweißigs „DDR-Presse unter Parteikontrolle“ (1991) zeigt sie die Positionierung und Auflagenhöhe der SED-Bezirkszeitungen (Stand: 1978) und die Führungsrolle des überregionalen Zentralorgans Neues Deutschland. Für die SED Neubranden burg wird die zentrale Instruktion zur Darstellung der „Welt des Sozialismus“, zur Führung der Auseinandersetzung mit dem Imperialismus und das Erreichen der Hauptaufgabe des Fünfjahrplanes in der Argumentationshilfe Nr. 2670 (1972) formuliert, die wöchentliche „Linie“ in „Argus“ der Abtei-lung Agitation im ZK der SED unter Nennung von aktuellen Tabuthemen (Bsp. Versorgungslücken, Personalfragen, die „Freunde“ [Sowjetarmee, Politiker aus „Bruderstaaten]) festgelegt und die bei Redakteuren und Setzern unbeliebten „Dringlichkeitsmeldungen“ aus der SED-Spitze, die auf Seite 1 zu platzieren waren.

Thema Nr. 1 für die „Freie Erde“ war – regional bedingt – die Landwirtschaft, was der Zeitung im Volksmund den Spitznamen „Freier Acker“ einbrachte. Als Dauerthemen boten sich an: Kritik an Politik und Wirtschaft in der „BRD“, Hervorhebung der DDR als „Vorreiter der deutschen Nation“ und „Friedensstaat“ unter Wahrung des „Abgrenzungsgebots“ (1975), „Kultur und Kunst im Kollek tiv“ und natürlich der Sport. Hintergrundinformationen bietet Baumanns Zeitungsportrait der Freien Erde vor allem durch die Recherchen zu den Personalia in den Redaktionsräumen, der Bildung eines IM-Netzes – IM-Fälle (1986: 15 von 54), in denen Redakteure als „Weiterleiter“ dessen, „was nicht in die Zeitung durfte“, fungierten. Als Führungs-IM „Gustav“ wirkte Sekretariatsleiter Walter Koch (*1931), ein früherer Grenzpolizist 22 Jahre lang (S. 136 ff).

Dass die Autorin auch zwischen den MfS-Zuträgern zu differenzieren weiß, zeigt sie am Fall des IM „Tinte“ als Hinweis auf die „ganz selbstverständliche Trennung von öffentlich geäußerter und eigentlicher Meinung“ (1965), indem er Interviews nicht vorgaukeln und Privates nicht weiterreichen wollte. Zwischen offiziellen Vorgaben einer „historischen Mission“ und nüchternem Blick auf den real existierenden Sozialismus kommt, wie Baumann nachweist, aus den (Rand-) Vermerken der IM-Berichte zum Ausdruck, dass für den DDR-Bürger als Journalisten die Abendnachrichten aus dem Westfernsehen glaubwürdiger erschienen als die aktualisierte Wandzeitung mit SED-Agi-tation (Bsp. CSSR 1968, Polen nach 1980). Es sind Zitate wie die von Hans-Dieter Schütt, ehemals Chefredakteur der Jungen Welt (1,4 Mill. Aufl., Tageszeitung), der sich und seine Berufskollegen als „Windmacher fürs Fahnenflattern“ bezeichnete (2010).

Christiane Baumann schließt mit einer Analyse der Freier Erde 1989, als ein „Tiefpunkt der Glaub-würdigkeit“ festzustellen war. Am 04.12.1989 forderten tausende Demonstranten Pressefreiheit, nachdem die Volkskammer der DDR am 01.12.1989 sich „vom Führungsanspruch der SED verabschiedet“ hatte. Zwar finanzierte die SED/PDS trotz Monopoleinbuße die Tageszeitung noch bis zum 31.03.1990, bevor eine Umstrukturierung unter Einbeziehung der Treuhand bis 1991 unter dem neuen Namen Nordkurier erfolgte. Weil den Redakteuren 1990 „harte Einschnitte erspart“ blieben (Bsp. Überprüfung auf MfS-Tätigkeit mit der Folge fristloser Kündigung), konnte „der Betrug an Kollegen und an den früheren Lesern“ ohne Folgen bleiben, „als sei beides nicht geschehen“. Heute ist die Aufbruchstimmung von 1989/90 verflogen und der Journalismus folgt unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft anderen Leitlinien: freie Berichterstattung, fachliche Qualifizierung, modernste Medientechnologie zur Steigerung der Absatzzahlen.

Für den Leser ist die Arbeit von Christiane Baumann spannend, aber mit Tiefgang geschrieben, für den Fachkollegen der historisch-politischen Bildung stellt sie sich als eine interessante, auf Quellen gestützte Fallanalyse dar, die anregt, den Blick auf die Entwicklung der Pressearbeit in Wort, Bild und Ton exemplarisch zu untersuchen – eine Anregung für lokal orientierte Fach- und Seminararbeiten.

Willi Eisele
Wolfratshausen